Aus geologischer Sicht gab es bisher keine klare Vorstellung in der Wissenschaft darŸber, dass das PhŠnomen Leben und das PhŠnomen der anorganischen Natur Manifestationen eines integralen Prozesses sind.
V. I. Vernadsky
In der ganzen Welt wurde Vernadskys Lehre, worŸber am Ende des 20. Jahrhunderts ein gro§es Interesse aufkam, lange Zeit eher als theoretisch betrachtet. Erst jetzt beginnen wir, die praktische Bedeutung seiner Ideen zu verstehen. Es handelt sich nicht nur um ein jahrhundertealtes Experiment. Es ist eine neue AnnŠherung an die Einheit von drei Quellen unseres Planeten: anorganisch, lebendig und sozial. In diesem Zusammenhang spricht Vernadsky Ÿber die drei ÒSynthesen des RaumesÓ.
Es ist interessant zu bemerken, dass zur Zeit Vernadskys Synthese als ein Weg betrachtet wurde, ein Objekt in seiner IntegritŠt, in Einheit und im Zusammenhang all seiner Elemente zu erforschen. Heute benutzen wir gewšhnlich das Wort ÒModellÓ. Mit Raum meinte er die gesamte Natur in ihrer Einheit, die Menschen miteinbezogen, und nicht etwas, was au§erhalb unseres Planeten ist. Wenn wir heute Ÿber solche Modelle sprechen, gebrauchen wir das Wort ÒWeltbildÓ.
Vernadsky beschrieb die ersten beiden Synthesen in seinen ÒKrimschen ArtikelnÓ: ÒMan kann zwei Synthesen in der Vorstellung eines Menschen Ÿber den Raum erkennen. Sie sind ziemlich verschieden und in unterschiedlichen Entwicklungsstadien und sie sind kaum miteinander vereinbar. Ò [i]
1. Die erste Synthese ist Òdie Synthese der abstrakten Idee eines Physikers oder Mechanikers, in der es keine Vorstellung von Energie, €ther, Elektronen, Quanten, Kraftlinien oder Wirbeln gibt. Diese Welt des Raumes gibt uns nŸchtern einen všllig fremden Eindruck, der uns nicht berŸhrt und stellt offensichtlich ein Schema dar, das weit von der Wirklichkeit entfernt ist. Solch abstrakte Vorstellungen bilden einen praktischen Typ wissenschaftlicher Arbeit, einen Teil des wissenschaftlichen Weltbildes, das aber nicht všllig erfasst wird.Ó
2. ÒZusammen mit dieser physikalischen Sicht des Raumes gibt es eine andere Vorstellung, ein naturalistischer Begriff, der keine Auflšsung in geometrische Formen hat, der eher komplex, jedoch realistischer und uns vertrauter ist, und der eng nicht mit dem gesamten Raum, aber mit seinem Teil – unserem Planeten – verbunden ist. Jeder Naturalist, der die beschreibende Wissenschaft studiert, hat diese Vorstellung von der Umwelt. Diese Idee schlie§t ein neues Element ein, ein Element von Leben, welches in der Kosmogonie, der theoretischen Physik oder Mechanik fehlt.Ó
ÒNeben lebenden und anorganischen natŸrlichen Kšrpern in der BiosphŠre spielen heterogene (ungleichartige) Naturkšrper wie Bšden, Schlick, OberflŠchenwasser, die BiosphŠre selbstÉ eine gro§e Rolle. Sie bestehen aus lebenden und anorganischen Naturkšrpern, die zur gleichen Zeit existieren, wobei sie vielschichtige normale anorganisch-lebendige Strukturen schaffen. Ich bezeichne sie als bio-anorganische Naturkšrper. Die BiosphŠre selbst ist ein komplexer planetarischer bio-anorganischer NaturkšrperÓ. [ii].
3. Die dritte Synthese wird grŸndlich in Vernadskys Werk ÒDer wissenschaftliche Gedanke als ein planetarisches PhŠnomenÓ beschrieben.
ÒDer Vorgang der Evolution hat eine besondere geologische Bedeutung, weil er eine neue geologische Kraft hervorgebracht hat – den wissenschaftlichen Gedanken der sozialen Menschheit. Wir sind gerade in der Zeit, in der diese Kraft in die geologische Geschichte des Planeten eintritt. WŠhrend der vergangenen tausend Jahre wurde der intensive Einfluss einer besonderen lebenden Substanz – die zivilisierte Menschheit – auf die BiosphŠre beobachtet. Unter dem Einfluss von wissenschaftlichen Gedanken und menschlicher BemŸhung, tritt die BiosphŠre in einen neuen Zustand ein, in die der NoosphŠreÉ
Man kann sehen, wie schroff sich die BiosphŠre verŠndert hat. Die VerŠnderung, die durch den wissenschaftlichen Gedanken und die menschlichen BemŸhungen verursacht wurden, ist kein zufŠlliges PhŠnomen, das vom menschlichen Willen abhŠngt. Sie ist ein natŸrlicher Vorgang mit tiefen Wurzeln und es ist vom Evolutionsprozess wŠhrend hunderter und Millionen Jahren vorbereitet.
Der Mensch muss verstehen, nicht vom philosophischen oder religišsen, sondern vom wissenschaftlichen Standpunkt aus, dass er/sie kein zufŠlliges NaturphŠnomen ist, das fŠhig ist, frei und unabhŠngig von der Umwelt (der BiosphŠre oder der NoosphŠre) zu handeln. Er/sie ist Teil des gro§en Naturvorganges, der seit mindestens zwei Milliarden Jahren vor sich geht.
Heutzutage hšrt man im Zusammenhang mit dem sich entfaltenden wissenschaftlichen Gedanken Ÿber den kommenden Barbarismus, dem Zusammenbruch der Zivilisation, der Selbstzerstšrung der Menschheit. Ich halte diese Gedanken und Vermutungen fŸr das Ergebnis einer ungenŸgend tiefen Einsicht in die Umwelt. Der wissenschaftliche Gedanke ist noch nicht in das Leben eingedrungen; wir sind immer noch unter dem au§erordentlichen Einfluss von philosophischen und religišsen Ideen, die nicht den wirklichen modernen Kenntnissen entsprechen.
Wissenschaftliche Kenntnis, als eine geologische Kraft, welche die NoosphŠre schafft, kann nicht zu Ergebnissen fŸhren, die nicht mit dem geologischen Prozess Ÿbereinstimmen, durch den sie geschaffen wurde. Sie ist kein zufŠlliges PhŠnomen, sie hat tiefe WurzelnÓ [iii].
Vernadskys Grundgedanken, die er wŠhrend seines Lebens entwickelt hat, sind in diesen langen Zitaten konzentriert. Dieses Wissen šffnet die Wege, um viele schwerwiegende Probleme zu lšsen, einschlie§lich dem Problem der Òstabilen Entwicklung von ZivilisationenÓ. Dieses Wissen ist die einzige Form von Reichtum, die sich in dem Ma§e vervielfacht, je mehr man sie nutzt.
Schlie§lich hŠngt die weitere Entwicklung der Zivilisation von der allgemeinen Kultur und Erziehung der Menschen, der FŠhigkeit der Gesellschaft, die kreativen Anlagen ihrer BŸrger zu entfalten, ab. Nur in diesem Falle kšnnte es mšglich sein, die wichtige Schlussfolgerung des Bildes der NoosphŠre zu verstehen: die Zukunft der Menschheit als Teil des vereinten Systems der BiosphŠre hŠngt davon ab, ob die Menschheit ihre Verbindung mit der Natur (Gott, Hšheres Bewusstsein) versteht und die Verantwortung Ÿbernimmt, nicht nur fŸr die Entwicklung der Gesellschaft (wonach alle Utopisten streben), sondern fŸr die BiosphŠre als Ganzes.
[i] Archive der Russischen Akademie der Wissenschaften, Band 518, Art. 1, ÒCrimea ArticlesÓ, S. 81-86.
[ii] V.I. Vernadsky. ÒScientific Thought as a Planetary PhenomenonÓ. M. Nauka, 1977, S. 17
[iii] siehe oben, S. 19